FATUM
Fatum - das lateinische Wort für Schicksal eröffnet die philosophische Frage, ob die eigene Existenz von einer fremden Macht vorherbestimmt ist, zufällig ist oder selbst kontrolliert werden kann. Dieser Gedanke materialisiert sich in meiner Arbeit durch den Akt des Bleigießens. Das Ritual, bei dem versucht wird, die Ereignisse des nächsten Jahres vorauszusagen. Dieses Ritual zerlege ich seine Bestandteile. Der Moment, in dem das geschmolzene Blei auf die Wasseroberfläche trifft und sich dann zu einem neuen Objekt formt, filme ich in Zeitlupe und mit Makroobjektiv, sodass man den Zusammenhang zwischen Endobjekt und Schnelligkeit des Kippens erkennen kann. Das Endobjekt wird vor neutralem Hintergrund fotografiert. Der Betrachter kann jetzt selbst deuten, was dieses Objekt für das nächste Jahr voraussagt. Danach kann er dann lesen, was die Künstlerin in dem Objekt gesehen hat.
Wie sieht die Zukunft aus? Was wird das neue Jahr bringen?
Antwort auf diese Fragen suchten die Menschen schon immer in den merkwürdigsten Prophezeiungsmethoden.
Der Ursprung des Bleigießens ist unklar. Angeblichen haben schon die alten Römer und Kelten Weissagungsmethoden ähnlich dem Bleigießen durchgeführt.
Die Tradition des Bleigießens wird aber auch auf die Turkgemeinden in der Antike zurückgeführt. Das Gießen von Blei wurde zur Behandlung einiger phobischer Krankheiten durchgeführt. Zunächst sitzt der Patient auf dem Boden oder auf einem Stuhl. Währenddessen halten zwei Personen eine Abdeckung, um zu verhindern, dass flüssiges Blei auf den Patienten spritzt. Die Wahrsagerin oder eine andere Person hält auch eine Schüssel mit Wasser. Die Wahrsagerin gießt geschmolzenes Blei in die Schüssel, die über dem Kopf des Patienten gehalten wird. Wie die erstarrte Leitung aussieht, wird als das interpretiert, was der Patient unterbewusst fürchtet.
Völker Südosteuropas, insbesondere Serben und Bosnier, führten Bleigießen zu ähnlichen Zwecken durch. Nicht nur in Südosteuropa, sondern auch im ländlichen Norwegen führten die Einheimischen es auf, wenn auch zu anderen Zwecken.
Im Mittelalter galt das Bliegießen als frevlerische Zauberei und war verboten. Wer Blei gegossen hat, hat sich der Hexerei verdächtig gemacht.
In der frühen Neuzeit wurde Blei gegossen, um herauszufinden, ob jemand verhext war. Inquisitoren konnten auch Bleigießen, um Hexen zu schaden.
Modernes Bleigießen
Das Gießen von Blei ist in Finnland als tinanvalanta, in der Türkei als kurşun dökmek und in Tschechien als lití olova bekannt. Heute ist es in Finnland, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Tschechien eine gängige Tradition, an Silvester das Bleigießen durchzuführen. Die Art und Weise, wie es praktiziert wird, ist die gleiche wie die oben genannten Methoden. Jemand gießt geschmolzenes Blei oder Zinn in eine mit Wasser gefüllte Schüssel. Anhand der Form des erstarrten Metalls werden Prophezeiungen für das kommende Jahr gemacht.
Schon in der Vergangenheit drehten sich derlei Mutmaßungen meist um Glück, Geld und Partnerschaft.